Von Bruderschaften und der Schiffergesellschaft - Teil 2

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Neben dieser Regelung der Wohlfahrt durch das Gesetz traten schon im Mittelalter die Organisationen der Schiffer, die damals zugleich Reeder und Kaufleute waren. Im Jahre 1376 finden wir die Gesellschaften der Flandernfahrer, der Englandfahrer, der Schonen- und Bergenfahrer. Diese Gesellschaften bildeten Brüderschaften, die kirchlichen Charakter trugen und deren Sinn und Zweck vor allem geistliche Versorgung und Fürbitte waren. Am kürzesten zusammengefasst ist diese Absicht in der Gründungsurkunde der Lübecker Schiffergesellschaft von 1401. Da heißt es: "...dass sie gestiftet sei zu Hilfe und Trost der Lebendigen und Toten und aller derjenigen, die ihr rechtmäßiges Auskommen suchen mit der Fahrt zu Wasser; Schiffer, Kaufleute und Schiffsmannen, Pilger und welche Leute das auch immer sind, von denen leider viele durch das Wasser in Not oder zu Tode kommen, über Bord geworfen werden oder auf andere Weise vergehen und sterben, ohne Beichte und ohne Reue, die von Angst geplagt um ihrer Sünde willen keine Ruhe finden können; die auch keinen haben, der für sie bittet ... für sie ist diese Bruderschaft gestiftet und sie ist eine ewige Messe für diejenigen, die aus dieser Bruderschaft sterben, zu Wasser oder zu Land, damit der gute St. Nikolaus beim allmächtigen Gott für ihr Seelenheil bittet."

Das Element, dem man ausgeliefert war, ließ die Seeleute immer wieder an den plötzlichen Tod denken, auf den man sich nicht vorbereiten konnte. Ein Fahrensmann unserer Tage, der die Seeleute des 20. Jahrhunderts vor Augen hat, stellt in seinen Erinnerungen fest: ,,Was sie im 20. Jahrhundert zu tun pflegen, wenn es einmal besonders wild hergeht auf See und so aussieht, als sollte keiner mehr Gelegenheit finden, seine noch ausstehenden Rechnungen zu begleichen, das weiß ich von mehr als einer Gelegenheit aus eigener Erfahrung. Da taten sie nämlich genau so, als habe Münchhausen die großherzige, von weiser Seelenkenntnis zeugende These: ein guter Fluch ist ein halbes Gebet! - eigens zum Gebrauch für Seeleute drucken lassen. Ich empfand dann immer eine ganz leise Beschämung gegenüber den Makkern früherer Zeiten. Die waren fromm, hatte ich gehört. Die benahmen sich bei Sturm ganz anders, gelobten Wallfahrten und dergleichen und waren also ganz offenbar bessere Menschen als wir." Dann aber fand besagter Fahrensmann in alten Berichten einen seltsamen Brauch erwähnt: ,,...wenn ein Schiff aus schwerer See glücklich wieder den Heimathafen erreicht hatte, war die Wallfahrt fällig. Dummerweise kam dann immer etwas dazwischen. Alle, vom Kapitän bis zum Matrosen waren an Bord oder an Land schwer beschäftigt. Jedoch: versprochen war versprochen. Man fand einen Ausweg: Wenn keiner abkommen konnte, musste man eben eine Abordnung schicken. Nur, wer sollte dazugehören? So wurde schließlich und endlich ein Mann aus der Mannschaft bestimmt, die Sache zu übernehmen." Die Kosten für diese Wallfahrt, so las der Entdecker der alten Urkunde mit Staunen, wurde nach altem Brauch als gemeinschaftliche Havarie verrechnet, d. h. auf Schiff und Ladung umgelegt. Kein Wunder, dass dem Fahrensmann unserer Tage ob solcher Bräuche die Ehrfurcht vor den frommen Seeleuten früherer Zeiten dahinschwindet.

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